05/08/2026
**Vitale Ziele am Körper: keine Geheimnisse und keine Ausschaltknöpfe**
Momentan scheint es wieder schick zu sein, in Videos bestimmte Ziele für Schläge und Tritte zu präsentieren. Die Botschaft lautet meistens: Schlage genau hierhin, dann reagiert der Körper mit großen Schmerzen oder der Gegner ist sofort ausgeschaltet. Übersetzt bedeutet das: Drücke den richtigen Knopf und der Kampf ist beendet. Genau diese Vorstellung halte ich für problematisch.
Der menschliche Körper ist schon lange kein Geheimnis mehr. Es gibt keine verborgenen Zonen, die nur einige große Meister kennen und an ausgewählte Schüler weitergeben. Die Anatomie des Menschen ist bekannt. Ebenso bekannt sind empfindliche Bereiche, Nervenverläufe, Gelenke, Muskeln und verletzliche Organe. Wer solche Kenntnisse als geheimes Wissen verkauft, macht aus bekannten anatomischen Grundlagen etwas Mystisches.
Wer Filipino Martial Arts betreibt, kennt viele dieser Ziele unter anderem durch die sogenannten Guntings. Gemeint sind Techniken, bei denen der angreifende Arm oder das Bein abgefangen und gleichzeitig getroffen wird. Die Treffer richten sich beispielsweise gegen Muskeln, Nervenstrukturen oder Gelenke. Sie sollen Schmerzen auslösen, die Bewegung stören oder den angreifenden Körperteil vorübergehend schlechter nutzbar machen. Ein Gunting soll den Gegner nicht auf geheimnisvolle Weise ausschalten. Es soll seine Angriffsmöglichkeiten beeinträchtigen und eine weitere Handlung vorbereiten.
Auch bei Guntings ist die Wirkung nicht garantiert. Entscheidend ist, ob das vorgesehene Ziel unter Bewegung und Gegenwehr überhaupt getroffen wird. Trefferwinkel, Kraft, Kleidung, Muskelspannung und die persönliche Schmerzverarbeitung spielen ebenfalls eine Rolle. Ein Mensch, der bei einer Demonstration stillsteht und seinen Arm zur Verfügung stellt, hat nur wenig mit einem Angreifer zu tun, der sich bewegt, schlägt, zieht und selbst nicht getroffen werden möchte.
Deutlich problematischer wird es, wenn besonders gefährliche Ziele empfohlen werden. In einem Video wurde beispielsweise erklärt, man könne gegen den Kehlkopf schlagen und diesen Schlag entsprechend dosieren. Ein Treffer gegen den vorderen Hals kann jedoch den Kehlkopf und die umliegenden Strukturen verletzen. Mögliche Folgen sind starke Schmerzen, Probleme beim Sprechen und Schlucken, Blutungen, Schwellungen und eine Beeinträchtigung der Atemwege. Das Tückische daran ist, dass ernsthafte Atemprobleme durch zunehmende Schwellungen auch verzögert auftreten können.
Die Behauptung, ein solcher Schlag lasse sich in einer realen Auseinandersetzung sicher dosieren, ist Nonsens. Vor einer Bewegung kann ich entscheiden, ob ich langsam oder schnell, locker oder kräftig schlagen möchte. Ein bereits schnell und entschlossen ausgeführter Schlag lässt sich unmittelbar vor dem Kontakt aber nicht zuverlässig von hart auf leicht umstellen. Richtung, Geschwindigkeit und Muskelspannung werden vorbereitet, bevor die sichtbare Bewegung beginnt. Eine Korrektur setzt voraus, dass eine Veränderung zunächst wahrgenommen, verarbeitet und durch neue Muskelaktivität umgesetzt wird.
Ebenso irritierend sind Ziele, die als todsicher oder garantiert wirksam beschrieben werden. Dabei wird bereits übersehen, dass man diese Stellen unter realen Bedingungen erst einmal genau treffen muss. Der andere Mensch bleibt nicht stehen, hält den Kopf nicht ruhig und wartet nicht auf die vorgeführte Technik. Eine der ersten Fähigkeiten, die Kampfsportler lernen, ist der Schutz empfindlicher Körperbereiche. Sie arbeiten mit einer Deckung, verändern ihre Stellung und bewegen den Kopf. Viele Demonstrationen gehen dagegen offenbar von einem Gegner aus, der seine empfindlichsten Stellen offen präsentiert und selbst kaum Gegenwehr zeigt.
Abgesehen von Guntings reduzieren sich die häufig genannten Ziele meistens auf drei Bereiche: den Intimbereich, den Hals und die Augen. In unserer Schule lehren wir von diesen drei Bereichen vorrangig die Augen als mögliches Ziel in einer ernsthaften Notwehrsituation. Der Intimbereich ist für uns zu unzuverlässig. Kleidung, Körperhaltung, Bewegung und mitunter auch ein getragener Tiefschutz können die Wirkung erheblich verändern. Hinzu kommt, dass viele Menschen den unteren Bereich bereits durch ihre Stellung schützen. Ein Treffer kann sehr schmerzhaft sein, muss den Angriff aber nicht beenden.
Der Hals wäre für uns das zweite Ziel. Er ist empfindlich und ein Treffer kann erhebliche Folgen haben. Gerade diese Folgen sind jedoch schwer zu kontrollieren. Eine Wirkung kann verzögert auftreten und sich durch Schwellungen weiter verschlimmern. Das macht den Hals nicht zu einem besonders geeigneten oder dosierbaren Ziel, sondern zu einem medizinisch riskanten Bereich.
Das aus unserer Sicht effektivste Ziel sind die Augen. Dafür ist kein besonders harter Kontakt erforderlich. Entscheidend sind Geschwindigkeit, Genauigkeit und der Moment, in dem das Auge geöffnet ist. Ein Kontakt mit dem offenen Auge löst unmittelbar eine Reaktion aus. Das Lid schließt sich, der Kopf bewegt sich zurück und die Aufmerksamkeit richtet sich sofort auf das betroffene Auge. Die zuvor ausgeführte Handlung wird zumindest für einen Moment unterbrochen.
Jeder, dem schon einmal eine Fliege oder ein anderer Fremdkörper ins Auge geraten ist, kennt diesen Vorgang. Der Körper beschäftigt sich schlagartig mit dem Schutz des Auges. Alles andere verliert in diesem Moment zumindest vorübergehend an Bedeutung. Die Augen sind unser wichtigstes Bindeglied zur Außenwelt. Eine Störung beeinträchtigt unmittelbar die Wahrnehmung, die Orientierung und die räumliche Einschätzung. Für eine reale Auseinandersetzung kann bereits diese Unterbrechung entscheidend sein.
Die Augen bleiben auch im Nahkontakt erreichbar. Das gilt beim Festhalten, beim Würgen oder bei einem sexualisierten Übergriff. Gerade in diesen Situationen sind große Schlagbewegungen häufig gar nicht möglich. Ein schneller Kontakt mit dem Auge kann trotzdem eine unmittelbare Schutzreaktion auslösen und dadurch die Möglichkeit schaffen, sich aus einem Griff zu lösen.
Übrigens: Auch eine Brille macht die Augen nicht zu einem geschützten oder wirkungslosen Ziel. Ein schneller Kontakt kann die Brille verschieben, vom Gesicht schlagen oder gegen die Augenpartie drücken. Dadurch entsteht ebenfalls eine unmittelbare Schutzreaktion. Gleichzeitig kann das Gestell selbst schwere Verletzungen am Auge und an der Augenhöhle verursachen. Bei Brillenträgern ist die genaue Wirkung deshalb noch weniger kalkulierbar. Die Brille kann den direkten Kontakt mit dem offenen Auge erschweren, sie kann die Folgen eines Treffers aber auch erheblich verschärfen.
Ein solcher Treffer kann schwere und bleibende Schäden verursachen. Darüber muss im Training offen gesprochen werden. Wir reden hier nicht über eine Rangelei im Bierzelt oder über die Frage, wer sich gerade provoziert fühlt. Gemeint sind Angriffe, bei denen die eigene Gesundheit oder das eigene Leben ernsthaft bedroht sind. Nur in diesem Zusammenhang lässt sich die Beschäftigung mit einem derart empfindlichen Ziel verantworten. Es geht nicht darum, einen Streit zu gewinnen. Es geht darum, einen schweren Angriff zu unterbrechen und sich in Sicherheit zu bringen.
Auch Bruce Lee waren diese Zusammenhänge bereits in den Sechziger- und Siebzigerjahren bekannt. Er setzte sie unter anderem mit seinem Eye Jab um, einem schnellen Fingerstoß in Richtung der Augen. Entscheidend war dabei kein geheimes Wissen. Entscheidend waren Geschwindigkeit, Timing, ein direkter Weg und ein Ziel, das auch aus kurzer Distanz erreichbar bleibt.
Vitale Ziele sind weder geheim noch neu. Problematisch wird es, wenn sie als sichere Ausschaltknöpfe verkauft werden und gleichzeitig der Eindruck entsteht, ihre Wirkung könne genau vorhergesagt oder beliebig dosiert werden. Seriöses Training erklärt nicht nur, wo empfindliche Bereiche liegen. Es erklärt ebenso, wie schwer sie unter Gegenwehr zu treffen sind, wie unterschiedlich Menschen reagieren und welche schweren Folgen ein Treffer haben kann. Wer solche Ziele unterrichtet, trägt deshalb auch die Verantwortung, ihre Grenzen und Risiken klar zu benennen.