27/06/2026
Pumpende Pferde bei dieser Hitze
EDIT
Seit ich diesen Artikel geschrieben habe , habe ich sowohl durch Berichte in den Kommentaren, wie auch durch eigene Beobachtung weiter lernen dürfen und möchte daher ergänzen, dass es bei weitem nicht mehr nur die klassischen Nordpferderassen betrifft.
Gerade wenn es eben schon eine Vorschädigung durch echte Atemwegsprobleme gibt sowie bei älteren Tieren und die Temperaturen deutlich über den normalerweise bei uns erreichten liegen, sind hier auch immer mehr unübliche Pferderassen und Typen betroffen.
Am wenigsten tatsächlich Pferde die aus sehr heißen Gegenden stammen, aber selbst bei diesen kann es vorkommen.
Bevor es mit den FAQs zum Hufreheartikel weitergeht muss ich erst einmal dieses aktuelle Thema aufgreifen:
Pumpende Atmung bei hohen Temperaturen
Denn es ist mir bereits heute schon zweimal in der Praxis begegnet und bei der angekündigten Extremhitze der nächsten Tage dürfte dieses Phänomen noch deutlich häufiger auftreten.
Es betrifft vor allem Isländer und andere klassische Nordpferderassen, aber ich habe es auch schon öfter bei Friesen und den so beliebtem Mixen mit diesen erlebt.
Beim Islandpferd und ähnlichen Rassen ist das Phänomen, dass die Atmung unter Belastung sehr schnell und stark pumpend werden kann schon lange bekannt und es wurde daher sogar die Atemfrequenz als Kriterium der Beurteilung der Fitness und Erholung aus dem Reglement des Distanzreitens entfernt um diese Pferde nicht zu benachteiligen.
Dass sich die Thermoregulation über die Atemwege auch ohne Belastung bei großer Hitze zeigen kann ist zwar logisch, aber weniger bekannt.
Oft ist bei diesen Pferden beim Abhören die Lunge völlig frei, nur auf der Luftröhre hört man die verschärfte Atmung, aber bei anderen führz die forcierte Atmung selbst zu Atemgeräuschen.
Insbesondere wenn die Pferde im Winter oder Frühjahr allergiebedingt durchaus unter Atemwegsproblemen leiden.
Daher kommen bei mir immer wieder Pferde an, die völlig therapieresistent auf jegliche Behandlung auf equines Asthma reagieren.
Ja, die teilweise unter den üblichen Bronchenerweiterern und mit Inhalation schlechter werden.
Bewegung verschlechtert die Symptomatik dagegen bei diesen Pferden nicht, sie kann sich sogar verbessern, vor allem wenn diese in kühlerer Umgebung als die normale Haltung stattfindet also z.B. Wald oder bei Nutzung von Wasserstellen bei der Bewegung.
Es ist so, dass Pferde . allgemeinen sehr gut und effizient schwitzen können, diese Fähigkeit aber bei rauem Klima in nördlichen Gefilden und an stürmischen und kühlen Küsten die Gefahr birgt, sich nach Anstrengung zu verkühlen und lebensbedrohlich zu erkranken.
Daher war es in diesen Regionen von Vorteil weniger zu schwitzen.
Der Wärmeaustausch verlegte sich dadurch vermehrt auf die Atmung und die nach Anstrengung " wie Maikäfer pumpenden" Pferde sind bei Islandpferden eher die Regel als eine Ausnahme.
Aber auch andere Rassen mit ähnlichem Hintergrund können von dieser Art der Thermoregulation vermehrt Gebrauch machen.
Wichtig ist dabei genau zu unterscheiden, handelt es sich um eine schnelle Atmung um Sauerstoffmangel auszugleichen oder geht es primär um den Wärmeaustausch.
Erstes Indiz ist ob das Pferd dazu auch noch vermehrt schwitzt.
Dies kann der Fall sein, also dass beide Thermoregulationssysteme auf voller Kapazität arbeiten, aber ist es heiß, dass Pferd atmet s hwet und schwitzt aber nicht oder kaum, ist es wahrscheinlich, dass die Atmung für den Wärmeaustausch erhöht ist.
Ich habe hier einmal zusammengetragen was darüber konkret bekannt ist:
Was im Körper eines Nordpferdes bei 30 Grad plus passiert — und warum das oft missverstanden wir
Menschen schwitzen, Hunde hecheln, Pferde können tatsächlich beides
Das klingt banal. Hat aber weitreichende Konsequenzen, denn auch wenn Pferde allgemein noch viel effizienter als Menschen schwitzen, so gibt es große Unterschiede zwischen den einzelnen Pferderassen und - Typen sowie auch eine große individuelle Varianz.
Es wird oft vergessen, dass Pferde sich auf zwei Wegen abkühlen können.
Neben schwitzen ist es eben genau die Atmung, die hierfür genutzt wir.
Bei Pferden aus wärmeren Gegenden und solchen die von diesen abstammenl wie beim Vollblutaraber, iberischen Pferden und unseren heutigen blütigen Warmblutpferden übernimmt tatsächlich das Schwitzen den Großteil dieser Aufgabe.
Dünne Haut, kurzes Fell, trockene Adern begünstigen eine gute Verdunstung.
Bei Islandpferden und anderen Nordpferderassen sowie denen aus anderen rauen Regionen ist das anders.
Dies stellt aber keinen Mangel sondern eine Anpassung dar.
Da es bei dieser Rasse am besten dokumentiert und am eindrucksvollsten darstellbar ist erkläre ich hier einmal die Zusammenhänge am Beispiel Islandpferd:
Was 1.000 Jahre Island aus einem Pferd machen
Das Islandpferd lebt seit über einem Jahrtausend auf Island und das weitestgehend ohne Einkreuzung fremder Rassen.
Niedrige Temperaturen, Regen, Schnee und stürmische Winde sind dort Alltag.
Unter diesen Bedingungen war starkes Schwitzen bei körperlicher Belastung kein Vorteil für die Vorfahren der heutigen Islandpferde.
Es war ein nicht zu unterschätzendes Risiko.
Ein Pferd, das nach einem langen Ritt durchgeschwitzt im Wind steht, verliert seine Wärmeschutzschicht. Nasses Fell isoliert kaum noch. Unter isländischen Verhältnissen konnte das existenzbedrohend sein.
Die Folge? Natürliche Selektion — über Generationen.
Pferde, die nach Belastung schnell nass wurden, hatten eine höhere Sterblichkeit. Pferde, die weniger schwitzten und stärker über die Atmung kühlten, überlebten besser. Dieser Genotyp wurde fixiert.
Das Ergebnis: Islandpferde haben tendenziell weniger aktive Schweissdrüsen. Dicke Haut, dichtes Fell und eine ausgepragte Fettschicht isolieren hervorragend in der Kälte — behindern aber die Wärmeabgabe über die Haut im Sommer.
Auch wenn hierfür die offiziellen Studien leider nach wie vor hinterher hinken, so gibt es neben der direkten Beobachtung zwei sehr belastbare Indizien die das ganze untermauern.
1. Der Yak im Himalaya hat unter ähnlichem Selektionsdruck weitgehend nicht-funktionale Schweissdrüsen entwickelt. Reduziertes Schwitzen als Kaltklima-Anpassung ist ein bekanntes biologisches Prinzip — beim Pferd nur leider weniger erforscht.
In der deutschen Islandpferdeszene wurde dies in den 1990er Jahren durchaus diskutiert:
Erfahrene Importeure empfahlen, vor dem Import aus Island die Schweissfähigkeit der Pferde zu prüfen — mit Parasympathomimetika, also Medikamenten, die die Schweissdrüsen stimulieren.
Pferde, die nicht richtig schwitzten, sollten besser nicht importiert werden. Die Beobachtung dahinter: Ein erheblicher Teil der islandischen Pferde schwitzt deutlich weniger als Kontinentalpferde und genau diese Pferde die weniger Schweißdrüsen aufwiesen waren auf dem Kontinent dann häufiger vom Sommerekzem betroffen.
Veröffentlicht in der Verbandszeitung des IPZV — in der Vor-Internet-Ära, weshalb heute kaum noch zugänglich. 🤷♀️
Die Lunge als Kühlweg — wie das funktioniert
Was macht ein Körper, dessen Hauptkühlweg eingeschränkt ist? Er nutzt den zweiten Weg intensiver.
Die Nasenmuscheln des Pferdes sind von einer blutreichen Schleimhaut überzogen. Beim Ausatmen gibt dieses Gewebe Wärme ab. Beim Einatmen kühlt es das Blut direkt — und über einen Gegenstromaustausch mit der Halsschlagader auch das Blut, das zum Gehirn fließt. Selektive Hirnkühlung nennt sich das, gut belegt und physiologisch faszinierend.
Je schneller das Pferd atmet, desto mehr Kühlleistung bringt dieser Weg. Das ist kein Zeichen von Erschopfung. Das ist aktive Thermoregulation.
Was das in der Praxis bedeutet
Islandpferde haben in Ruhe bereits eine höhere Atemfrequenz als Warmblut: 16–26 Züge pro Minute statt 8–16.
Das ist keine Pathologie. Das ist die rassespezifische Norm — dokumentiert seit Storz (1961) und 2006 an der Tierärztlichen Hochschule Hannover wissenschaftlich bestätigt.
Im Distanzreitsport hatte das reale Konsequenzen: Islandpferde wurden aus Wettkampfbeurteilungen herausgenommen, weil sie die Atemfrequenzkriterien für Warmblut nicht erfüllten — obwohl sie klinisch völlig gesund waren. Die Kriterien mussten angepasst werden.
Nicht nur Isländer — wer noch betroffen sein kann
Dieses Selektionsprinzip ist nicht auf Island beschränkt. Alle Rassen, deren Vorfahren in windreichen, feuchten, kühlen Klimata lebten, können ähnliche Muster zeigen:
▸ Fjordpferd, Norweger — vergleichbares Klima, vergleichbare Morphologie
▸ Friesen- niederländische Küste, windreich, schwerer Körperbau
▸ alle nordwesteuropäische Küstenponyund pferderassen
▸ Mixe dieser Rassen — abhängig vom Nordpferdeanteil spürbar
Je mehr Nordpferde-Anteile, desto ausgeprägter das Muster. Aber auch ein Friesen-Mix kann bei Hitze stärker über die Atmung kühlen als ein blütiger Warmblüter — insbesondere wenn zusätzlich eine Atemwegsvorgeschichte vorhanden ist.
Warum die falsche Diagnose so naheliegt
Erhöhte Atemfrequenz, Flankenatmung, Nüsternblähen — das sind auch die klassischen Zeichen eines equinen Asthmas. Kein Wunder, dass viele dieser Pferde entsprechend diagnostiziert werden.
Dazu kommt: Viele Nordpferde haben tatsächlich eine saisonale Atemwegsprobleme Heustaub- im Winter und Pollenallergie im Frühjahr . Sie husten im Frühjahr, haben entsprechende Symptome und Untersuchungsergebnisse.
Wenn dasselbe Pferd dann im Hochsommer bei Hitze stark atmet, liegt der Rückenschluss equines Asthma nahe.
Aber im Hochsommer, ohne Husten, ohne Ausfluss, mit deutlicher Besserung im Wald oder am/ im Wasser? Das ist meist nicht die Allergie. Das ist der Körper, der sich so abkühlt.
Indizien, dass es sich um Kühlatmung handelt:
Verbesserung durch Kühlung, kühlere Umgebung
Keine bis kaum Atemgeräusche
Kein/kaum Nasenausfluss ( nur leicht ,flüssig und durchsichtig ist manchmal vorhanden) oder Husten
Keine Verschlechterung unter leichter Bewegung
Wenn beides da ist — Allergie und Nordpferdeatmung
Ein Pferd mit echter Pollenallergie und Nordpferdeblut ist die schwierigere Situation. Weil beides real ist und sich überlappen kann.
Typisch: Im Frühjahr hustet das Pferd, hat Ausfluss, ist reduziert. Das ist die Allergie. Im Hochsommer atmet es bei Hitze stark — aber kein Husten, kein Ausfluss, Pferd ist aufmerksam. Das ist überwiegend die Thermoregulation.
Warum kommen diese Pferde beim Hitzestress schneller ans Limit?
Weil eine vorgeschädigte Lunge weniger Reservekapazität hat.
Der thermische Kühlbedarf ist derselbe — aber das System kommt früher ans Ende seiner Möglichkeiten.
Die richtige Antwort darauf ist Hitzemanagement — nicht zwingend Asthmamedikamente.
Die Grunderkrankung sollte ausserhalb der Hochsommersaison sauber abgeklärt werden: Endoskopie, BAL im Herbst oder Winter, wenn die thermische Überlagerung herausfällt.
Warum das nicht egal ist
Wenn thermisch bedingte Hechel-Atmung als equines Asthma behandelt wird, gibt es.meist Bronchienerweitererund/ oder Kortison.
Bronchienerweiterer helfen nicht, wenn die Atemwege gar nicht obstruiert sind.
Sie können Herzkreislaufsystem sogar weiter belasten.
Kortison kann bei metabolisch vorbelasteten Pferden — und das sind viele Nordpferde — die Insulinsensitivität zusätzlich verschlechtern. Wer meine Artikel zur Hufrehe und zum Antioxidantien-Paradoxon kennt, weiß, warum das besonders problematisch ist.
Auch die Inhalation kann die Thermoregulation durch das Atmen durch die Maske eher behindern als fördern.
Das eigentliche Problem bleibt unbehandelt.
Im ungünstigsten. Fall wird das Pferd weiter in der Mittagsh*tze geritten — weil man ja „behandelt“.
Das ist explizit kein Vorwurf an Kollegen.
Die Thermoregulation als primäre Differentialdiagnose fehlt in den meisten klinischen Entscheidungsbäumen. Und die rassemedizinischen Besonderheiten vom Islandpferden und ähnlichen Pferdetypen wurden zumindest zu meiner Zeit im Studium kaum behandelt.
Was wirklich hilft
Wenn die Ursache die Wärme ist, ist die Antwort diese zu reduzieren.
▸ Training in die frühen Morgen- oder späten Abendstunden
▸ Wald- und Wasserausritte aktiv einbauen — kühlere Umgebung reduziert den Kühlbedarf direkt
▸ Nach Belastung: 15–20 Minuten Schritt im Schatten, dann Wasser
▸ Abspritzen mit Wasser — effektiv, nicht eiskalt, herzfern beginnen
▸ möglichst kein Eindecken direkt nach der Arbeit
▸ möglichst Stall mit Luftzirkulation — keine enge Box ohne Luftstrom an Hitzetagen
Und für Pferde mit bekannter Atemwegsgrunderkrankung: ausserhalb der Hochsommersaison stabilisieren. Ein Pferd, das im Frühjahr gut eingestellt ist, hat im Sommer mehr Reserven.
Kurz zusammengefasst:
Islandpferde und andere Nordpferde kühlen sich strukturell anders. Das ist genetisch bedingt, evolutionsbiologisch gut erklärbar, und seit Jahrzehnten in der Pferdemedizin bekannt — wenn auch zu selten im Praxisalltag präsent.
Hecheln bei Hitze ist bei diesen Rassen häufig kein equines Asthma. Es ist aktive Thermoregulation.
Der Unterschied ist erkennbar, wenn man weiß, worauf man achtet. Und er hat direkte Konsequenzen dafür, was dem Pferd wirklich hilft.
Hintergrundliteratur
Storz, G. (1961): Physiologische Normwerte beim Islandpferd.
Haubold, A.E. (2006): Normwerterhebung echokardiographischer Parameter bei herzgesunden Islandpferden. TiHo Hannover.
Stefansdottir et al. (2014): Physiological response to a breed evaluation field test in Icelandic horses. Animal.
Sigurdardottir et al. (2024): Genetic diversity and signatures of selection in Icelandic horses and Exmoor ponies. BMC Genomics.
Geor et al. (2023): Heat stress in horses: a literature review. PMC.