27/02/2024
Berlin ist die Stadt der Heimatlosen. Wenn ein Zitat von Lukács an dieser Stelle gestattet ist, die Stadt der transzendental Obdachlosen. Jetzt haben wir auch noch ein Elternteil verloren. Am Montag ist René Pollesch im Alter von 61 Jahren gestorben. trägt Trauer.
Als Baudrillard starb, da hat Pollesch einen kleinen klugen Text veröffentlicht, fast eine Zitatcollage. Steht in Theater heute. Er hatte das alles gelesen. Er hatte auch verstanden, dass wenn man es ernst nimmt, es das Theater verändert. Es würde die Lesbarkeit der Veranstaltung, wie er das schön formuliert hat, “kollosal einschränken” und zu “erheblichen Missverständnissen” führen. Die Büchertische in der Pause, die sind nur dazu da, den “Regisseur und die Dramaturgie als die Kompetentesten” erscheinen zu lassen. Das hat er geschrieben. Weil es halt darum nicht geht.
Nach Baudrillard, und jetzt muss man sagen, nach Pollesch kannst du über Liebe und Tod nicht mehr so schreiben wie vorher. Wenn Pollesch stirbt, kannst du nicht an die Grube treten und Teresa von Ávila zitieren, man kann sich auch nicht an die Volksbühne stellen und Rilke aufsagen. Das ist alles unangemessen. Vielleicht noch den ersten Satz von Bernhards Rede zur Verleihung des Österreichischen Staatspreises. Das ginge. Als Lotte Eisner Krebs hatte, entschied sich Wener Herzog, zu Fuß nach Paris zu laufen, um sie dadurch zu heilen. Ich lauf nachher von Kreuzberg zur Volksbühne. Ich kauf in der O-Straße Blumen, da wo ich für meine Frauen immer Blumen gekauft hab, die bring ich ihm mit. Das ist auch so eine Erfahrung, wenn du älter wirst: Rosen kaufst du nicht mehr, weil du eine Verabredung mit einer schönen Frau hast, sondern eine Beerdigung. Aber er wird dadurch auferstehen. Bei Jesus hat’s drei Tage gedauert. Wir sind in Berlin, das dauert länger, aber es wird passieren, da bin ich ganz sicher. He walked up to me so gracefully and took my crown of thorns/Come in, he said/I’ll give ya shelter from the storm.