19/09/2026
⚠️ Achtung, lang – aber wichtig.
Dieser Text enthält nicht nur meine fachliche Position zu angeblichen „Energiespuren“ und sehr alten Trails. Am Ende steht auch ein vollkommen ernst gemeintes Angebot, diese Behauptungen unabhängig, kontrolliert und doppelblind zu überprüfen.
Wer außergewöhnliche Fähigkeiten öffentlich zur Diskussion stellt, sollte bereit sein, sie unter Bedingungen zu zeigen, die Zufall, Wissen und unbeabsichtigte Hilfen ausschließen.
🤔Mythos: Beim Mantrailing folgt der Hund einer Energiespur
Ich bekenne mich: Offenbar gehöre ich zum Mittelalter.
Denn ich gehe beim Mantrailing weiterhin davon aus, dass Hunde geruchliche Informationen verarbeiten – und nicht einer bislang weder definierten noch nachgewiesenen „Energiespur“ folgen.
In einer aktuellen öffentlichen Darstellung wird die Idee einer „Energiespur“ erneut zur Diskussion gestellt. Gleichzeitig wird die Vorstellung, Hunde folgten geruchlichen Informationen, sinngemäß dem Mittelalter zugeordnet.
Doch eine Behauptung wird nicht dadurch wissenschaftlich, dass sie modern klingt.
Wir wissen heute sehr viel darüber, wie Hunde Gerüche wahrnehmen: Geruchsmoleküle erreichen die Riechschleimhaut, binden an Rezeptoren und lösen Prozesse aus, durch die Informationen im Gehirn verarbeitet werden. Wir können Bestandteile menschlichen Geruchs untersuchen und erforschen, wie sie freigesetzt, übertragen und durch Umweltbedingungen verändert werden.
Natürlich verstehen wir noch nicht jedes Detail darüber, welche geruchlichen Informationen ein Hund beim Mantrailing nutzt. Wissenschaft darf offene Fragen haben. Eine Wissenslücke ist aber noch kein Beleg für „Energie“.
Für mein Buch „Dem Geruch auf der Spur“ habe ich versucht, den aktuellen Stand der Geruchsforschung so umfassend wie möglich zusammenzutragen. Dabei habe ich zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten zur Geruchswahrnehmung, Geruchsverarbeitung und Suchleistung des Hundes ausgewertet.
Trotz intensiver Recherche konnte ich keine wissenschaftliche Untersuchung finden, die belegt, dass ein Hund beim Mantrailing einer „Energiespur“ folgt.
Es gibt Forschung dazu, dass Hunde schwache Wärmestrahlung wahrnehmen können. Ebenso bestehen Hinweise darauf, dass sie Veränderungen des Erdmagnetfeldes möglicherweise zur Orientierung nutzen. Keine dieser Arbeiten zeigt jedoch, dass ein Mensch entlang seines Weges eine individuelle, über längere Zeit verfolgbare Energie hinterlässt.
Sollte jemand eine entsprechende wissenschaftliche Veröffentlichung kennen, freue ich mich ernsthaft über die vollständige Quelle.
Besonders häufig wird die angebliche Energie als Erklärung für sehr alte Trails herangezogen. Wenn eine Spur nach Tagen, Wochen oder sogar Monaten gearbeitet wird, soll es eben nicht mehr der Geruch, sondern die zurückgebliebene Energie sein.
Doch gerade außergewöhnliche Behauptungen benötigen besonders gute Belege.
Bis heute fehlt ein belastbarer und reproduzierbarer wissenschaftlicher Nachweis dafür, dass Hunde beliebig alte Spuren eines bestimmten Menschen zuverlässig verfolgen können – weder anhand von Geruch noch anhand einer sogenannten Energie. Einzelne Erfolgserzählungen ersetzen keine kontrollierten Untersuchungen. Meist wissen wir nicht sicher, ob die Person tatsächlich den angenommenen Weg genommen hat, welche anderen Informationen dem Hund zur Verfügung standen und ob Hund oder Hundeführer unbeabsichtigt beeinflusst wurden.
Bei realen Vermisstensuchen ist das keine harmlose theoretische Diskussion. Angehörige befinden sich in einer Ausnahmesituation. Sie hoffen auf jede Information und klammern sich verständlicherweise an jedes Ergebnis.
Wer behauptet, ein Hund könne nach Wochen oder Monaten noch einer Energiespur folgen, kann damit eine Sicherheit vermitteln, für die es keine wissenschaftliche Grundlage gibt. Eine eingeschlagene Richtung oder ein vermeintlich angezeigter Ort kann Hoffnungen wecken, Suchmaßnahmen beeinflussen und Angehörige an eine Geschichte binden, die möglicherweise niemals belastbar war.
Mit der Hoffnung von Angehörigen darf nicht gespielt werden.
Wer eine mögliche Energiespur als alternative Erklärung zur Diskussion stellt, müsste außerdem erklären:
Welche Energieform ist damit gemeint?
Wie entsteht sie?
Wie breitet sie sich aus?
Wie lange bleibt sie erhalten?
Wie lässt sie sich messen?
Mit welchem Sinnessystem nimmt der Hund sie wahr?
Und wie lässt sie sich experimentell von Geruch unterscheiden?
Solange diese Fragen unbeantwortet bleiben, ist „Energie“ keine wissenschaftliche Erklärung, sondern ein nicht näher definierter Begriff.
‼️Deshalb mache ich ein ernst gemeintes öffentliches Angebot:‼️
Wenn Hunde tatsächlich einer Energie und nicht geruchlichen Informationen folgen – auch noch nach sehr langer Zeit –, sollte sich das unter kontrollierten Bedingungen zeigen lassen.
Ich bin bereit, an einer unabhängigen Überprüfung mitzuwirken. Der Versuchsaufbau wird vorher schriftlich festgelegt. Verlauf und Alter der Trails werden unabhängig angelegt, manipulationssicher dokumentiert und auf Wunsch zusätzlich notariell protokolliert. Während der Suche wissen weder der Hundeführer noch die Begleitpersonen, wo die gesuchte Person gegangen ist oder wo sie sich befindet. Auch ich möchte diese Informationen nicht kennen.
Die Trails werden konsequent doppelblind gearbeitet und vollständig gefilmt. Erfolgskriterien und Kontrollbedingungen werden vor Beginn vereinbart – nicht erst nach dem Ergebnis interpretiert.
Ein einziger erfolgreicher Trail wäre noch kein Beweis. Deshalb braucht es mehrere Durchgänge, zufällige Zuordnungen und Aufgaben, bei denen die behauptete Energie von geruchlichen und anderen möglichen Informationen getrennt wird.
Vor allem muss vorher feststehen: Welches Ergebnis würde die Energiehypothese bestätigen – und welches würde gegen sie sprechen?
Wenn jedes Verhalten des Hundes im Nachhinein als Bestätigung ausgelegt werden kann, ist die Behauptung nicht überprüfbar.
Dieses Angebot ist keine Provokation. Ich würde mich über überzeugende neue Erkenntnisse freuen. Dafür braucht es aber nachvollziehbare und reproduzierbare Ergebnisse – nicht nur Überzeugung und Erzählungen.
Bis dahin bleibe ich gerne im angeblichen Mittelalter:
bei Geruchsmolekülen, Riechrezeptoren, kontrollierten Versuchen und der Bereitschaft, auch die eigenen Überzeugungen doppelblind überprüfen zu lassen.