22/09/2026
Gestern hatte ich die Gelegenheit, an einem Gründer- und Innovationsinkubator teilzunehmen, bei dem verschiedene Startup-Ideen vorgestellt wurden. Besonders interessant fand ich die Präsentation eines Lernspiels für Kinder, das die Grundlagen einer gesunden Ernährung anhand der Ernährungspyramide vermitteln soll. Einer der Business Angels stellte während der Diskussion eine Frage, die aus meiner Sicht weit über dieses konkrete Projekt hinausgeht „Vermittelt das Spiel nur Wissen oder hilft es auch dabei, Gewohnheiten zu verändern?“
Diese Frage hat vor allem deshalb bei mir nachgewirkt, weil sie etwas bestätigt hat, das ich in meiner Arbeit im Bereich Gesundheitsförderung seit vielen Jahren beobachte: Wissen ist eine wichtige Voraussetzung für Veränderung, führt aber nicht automatisch zu verändertem Verhalten.
Die meisten Menschen wissen heute sehr gut, was ihrer Gesundheit guttut. Die Empfehlungen zu Bewegung, Schlaf, Ernährung, Erholung oder Stressmanagement sind allgemein bekannt. Gleichzeitig erleben wir immer wieder, dass zwischen dem Wissen darüber, was gesund wäre, und dem tatsächlichen Verhalten im Alltag eine erhebliche Lücke besteht. Genau an diesem Punkt wird Gesundheitsförderung aus meiner Sicht spannend. Ihr Erfolg entscheidet sich nicht daran, ob Menschen Informationen erhalten haben, sondern daran, ob sie diese Informationen langfristig in ihren Alltag integrieren können.
Die entscheidende Frage lautet daher weniger: „Was wissen wir?“, sondern vielmehr: „Wie gelingt es uns, Wissen in dauerhaftes Handeln zu übersetzen?“
Mit dieser Frage beschäftigt sich auch die Verhaltensforschung seit vielen Jahren. Besonders bekannt wurde die Studie von Phillippa Lally und ihrem Forschungsteam am University College London. Die Forschenden begleiteten Menschen über zwölf Wochen beim Aufbau neuer gesundheitsförderlicher Verhaltensweisen und stellten fest, dass neue Gewohnheiten Zeit benötigen. Im Durchschnitt dauerte es rund 66 Tage, bis ein Verhalten einen hohen Grad an Automatisierung erreichte. Ausschlaggebend war dabei nicht zusätzliche Wissensvermittlung, sondern die wiederholte Umsetzung im Alltag.
Vor diesem Hintergrund erscheint auch der Ansatz der Zentralen Prüfstelle Prävention (ZPP) nachvollziehbar, die insbesondere strukturierte und längerfristige Präventionsangebote zertifiziert. Gesundheitsförderung erschöpft sich nicht in der Vermittlung von Informationen. Menschen benötigen Zeit, um neue Verhaltensweisen auszuprobieren, individuelle Lösungen zu entwickeln, Rückschläge zu verarbeiten und Routinen aufzubauen, die sich dauerhaft in den Alltag integrieren lassen.
Aus diesem Grund dauern unsere Kurse zwölf Wochen. Ziel ist dabei nicht, möglichst viel Wissen in kurzer Zeit zu vermitteln. Viel wichtiger ist es, den Teilnehmenden ausreichend Raum zu geben, die Inhalte im eigenen Alltag zu erproben und schrittweise neue Gewohnheiten zu entwickeln. Am Ende interessiert mich daher weniger, was jemand nach einem Kurs über Gesundheit weiß. Entscheidend ist vielmehr, ob sich Wochen oder Monate später tatsächlich etwas im Alltag verändert hat.
Wissen eröffnet Möglichkeiten. Nachhaltige Gesundheitsförderung entsteht dort, wo aus Wissen Gewohnheiten werden. Was denkt ihr darüber? Wie ist eure Erfahrung?