04/06/2026
Atmen ist ganz klar. Es ist ein lebenswichtiger Gaswechsel, bei dem Sauerstoff über die Lunge ins Blut gelangt, Kohlendioxid wird aus dem Körper abgegeben und der Blutkreislauf transportiert den Sauerstoff zu den Zellen. Soweit so gut. Und dann wird es spannend. Der Atem wird automatisch im Hirnstamm reguliert, ohne dass wir darüber nachdenken müssen, kann aber auch willentlich verändert werden und damit Einfluss nehmen auf Aktivierung und Regeneration. Besseres Atmen kann positive Effekte haben auf verschiedene Ebenen: verbesserte körperliche Leistungsfähigkeit, klareres Denken, weniger stressbedingte Beschwerden, bessere Schlafqualität, ruhigere Verdauung, günstigere Blutdruckregulation und eine stabilere Immunfunktion.
Wie wir atmen, wird schnell zur Gewohnheit. Wir atmen etwa 20.000 bis 25.000 Mal pro Tag unbewusst. Atemgewohnheiten entwickeln sich über Zeit, deshalb braucht langfristige Veränderung meist regelmäßige Wahrnehmung und Übung, nicht nur eine einzelne Technik. Bewusstheit ist der Schlüssel zu mehr Atemkontrolle. Wir nehmen den Atem erstmal wahr und beginnen dann ihn zu verändern. Dabei sollte uns bewusst sein, jede Veränderung des Atems ändert den Input für spezifische Bereiche im Hirnstamm und damit die Reaktion des Körpers darauf.
Wenn du deine Atemgewohnheiten besser verstehen möchtest, nimm deinen Atem wahr. Oft scheitert das nicht am Können, sondern an Zeitdruck und fehlender Wahrnehmung. Deswegen nimm doch mal für ein paar Tage mit, deine eigenen Atemgewohnheiten zu beobachten:
Atmest du eher durch den Mund oder die Nase?
Hebt sich beim Einatmen vor allem der Brustkorb oder bewegt sich der Bauch mit?
Hältst du oft unbewusst Spannung im Körper?
Seufzt oder schnappst du häufig nach Luft?
27/05/2026
Im Laufe des Tages sammelt sich oft Spannung an. Wir spüren das besonders auf der muskulären Ebene durch einen erhöhten Muskeltonus. Und dann fühlt sich der Körper am Ende des Tages steif und angespannt an.
Du kannst dir simple helfen, indem du dich unterlagert in eine für dich bequeme Position bringst. Dabei ist das Unterlagern die wichtige Komponente. Denn passive unterstützte Ruhe kann Spannung gut reduzieren, weil der Körper weniger aktiv gegen die Schwerkraft arbeiten muss. Es entsteht ein Gefühl von Sicherheit, was das Nervensystem leichter aus einem hohen Aktivierungszustand herausholt. Wenn der Körper gut abgestützt ist, müssen weniger stabilisierende Muskeln arbeiten, sodass Muskelspindelaktivität, Schutzreflexe und dauerhafte Haltearbeit allmählich abnehmen können. Eine gestützte Haltung reduziert auch das „Ich muss mich selbst halten“-Signal, wodurch top-down-Regulation leichter die Kontrolle über bedrohungsbezogene bottom-up-Aktivierung übernehmen kann.
Wenn du dich also fest und eng fühlst, zuppel nicht an dir herum, sondern lege dich bequem mit all deinen Kissen unterlagert ab. Dein Nervensystem wird darauf dankbar reagieren.
21/05/2026
„Stillness is not about focusing on nothingness, it is about creating a clearing. It's about opening up an emotionally clutter-free space and allow ourselves to feel and think and dream and question.“ – Brené Brown
Im Yoga ist Stille kein Stopp. Es geht nicht darum, alles leer zu machen, sondern eine Lichtung zu öffnen, auf der Gefühle, Gedanken, Träume und Fragen einfach da sein dürfen, ohne sofort bewertet oder weggeschoben zu werden. So ist Stille vielmehr ein innerer Raum, der erlaubt zu spüren, statt zu überspielen.
Brené Browns Bild der „emotional clutter-free space“ beschreibt die yogischen Idee von Shunyata oder leerer Präsenz. Nichts wird aktiv geleert, sondern der innere Ballast bekommt einfach keinen neuen Brennstoff mehr. Yoga lehrt hier, dass Klarheit nicht aus Anstrengung entsteht, sondern aus bewusster Offenheit. Denn es hilft nicht, mehr Kontrolle über uns selbst zu bekommen, sondern wieder besser hören zu können, was in uns lebendig ist.
In der Stille entsteht dann die Möglichkeit, sich selbst zu begegnen. Ein Raum, in dem wir wieder wahrnehmen können, was eigentlich da ist. Etwas, was im Alltag oft überdeckt wird.
06/05/2026
Der Zwiespalt mit der Endentspannung
Die Endentspannung im Yoga wird oft unterschätzt. Viele Praktizierende finden sie zu Beginn ihrer Yogareise irritierend und ungewöhnlich. Das ändert sich meist im Laufe des Praktizierens. Oft stellt sich die Frage, warum man da so rumliegen muss. Auch die Betonung, dass es schwer fällt, zu entspannen, wird gerne genutzt, um die Endentspannung ausfallen zu lassen.
Tatsächlich ist die Endentspannung ein wichtiger Bestandteil der Yogapraxis. Wenn wir Yoga nicht nur als Gymnastik verstehen, dann stellt die Endentspannung einen Moment der Reflektion dar. Die Zeit der Stille im Liegen – also ohne Kraftimpuls sich aufrecht zu halten – soll helfen, die Erfahrungen der Praxis sacken zu lassen. So kann unser Körper und Geist verinnerlichen, was gerade passiert ist. Die Impulse aus der Praxis können nachwirken und wir schenken uns einen Moment uns selbst zu spüren. Als reine Beobachtung ohne Bewertung. Diese Selbstwahrnehmung ist auch Selbstfürsorge.
Gleichzeitig üben wir uns im Loslassen. Im Wechsel zur Anspannung in der Praxis erfahren wir ein Loslassen im Körper und im Geist. Wir erfahren, dass solch ein Wechsel möglich ist und unser Körper und Geist lernt, routinierter zwischen Spannung und Entspannung zu wechseln.
Zusätzlich stellt die Endentspannung eine wunderbare Pause dar. Ein Gegensatz zum im Alltag mit seiner Forderung von Aktivität und Produktivität, erlaubt sie uns nichts zu tun. Die Endentspannung schenkt uns ein klares abgestecktes Zeitfenster, in dem Nichts passieren kann. Eine Wohltat für den modernen Geist, der immer so beschäftigt ist.
Mit diesem Verständnis fällt es dir vielleicht leichter, deine Endentspannung zu genießen. Wie geht es dir in der Endentspannung? Wie erlebst du sie?
29/04/2026
Mut lässt sich als die Fähigkeit verstehen, sich der eigenen Erfahrung zuzuwenden, auch wenn sie unangenehm oder schmerzhaft ist. Im Yoga geht es dabei nicht um heldenhaften Mut von außen, sondern eher um einen inneren Mut: dran zu bleiben, hinzuspüren, ehrlich mit sich zu sein und sich nicht sofort vor dem zu schützen, was gerade gesehen werden will.
In der Yogaphilosophie wird diese Qualität mit vīrya beschrieben. Vīrya beschreibt eine innere Kraft, eine Beharrlichkeit, ein Vertrauen und eine freudiger Ausrichtung auf das Wesentliche. Also keine blinde Härte, sondern eine Form von standhafter Offenheit. Auch moderne Yogatexte greifen diesen Gedanken auf. Da bedeutet Mut oft, sich der eigenen Realität zuzuwenden, statt sie zu vermeiden. Mut entsteht gerade in diesem Kontakt mit der Unsicherheit. Yoga kann diesen Prozess unterstützen, weil Atem, Bewegung und Aufmerksamkeit helfen, innere Anspannung zu regulieren, ohne sie zu verdrängen.
Wissenschaftlich lässt sich dieser Zusammenhang gut mit Forschung zur Angstregulation, Achtsamkeit und Emotionsverarbeitung stützen. Studien und Übersichtsarbeiten zeigen, dass Yoga und achtsamkeitsbasierte Verfahren die Wahrnehmung von Körperzuständen, Stressreaktionen und Affektregulation verbessern können. Das ist für das Thema Mut wichtig, weil Mut im psychologischen Sinn häufig dort beginnt, wo Vermeidung endet. Wenn Menschen lernen, körperliche Signale, Atem und Gedanken bewusster wahrzunehmen, können sie belastende Zustände früher erkennen und gewinnen die Freiheit, anders darauf zu reagieren.
Für unseren Alltag kann das bedeuten, dass wir Mut als die Bereitschaft verstehen, für einen Moment still zu werden, um ehrlich hinzusehen und bei sich zu bleiben. Das kann bedeuten, eine Pause zu machen, eine Grenze zu setzen, eine Emotion zu fühlen oder eine schwierige Veränderung nicht länger aufzuschieben. In diesem Sinn ist Mut kein spektakulärer Ausnahmezustand, sondern eine stille Form von Selbstfürsorge und Wahrhaftigkeit.
So lässt sich das Zitat yogisch lesen: Heilung braucht nicht Perfektion, sondern die Bereitschaft, den eigenen inneren Raum zu betreten.