15/10/2026
Die Niederlage von Gargate
Aus den Chroniken der Dunkelzwerge – im 119. und später im 98. Billionsten Jahr nach den Legenden*
Wir glaubten, das Meer gehöre uns.
Unter den Bannern Balandirs des Finsteren stach unsere Flotte in See. Schwarze Segel spannten sich im Wind, eiserne Rümpfe durchschnitten die Wellen, und auf unseren Decks standen Krieger, die bereits ganze Festungen hatten fallen sehen. Wir waren zahlreicher als unsere Feinde, besser gerüstet und überzeugt, dass kein Zwergenheer unserem Vormarsch noch Einhalt gebieten könnte. Doch Turgream Schwarzschläger hatte andere Pläne.
Die Zwerge der Steinbruchüberquerung wichen vor uns zurück. Wir deuteten ihren Rückzug als Zeichen ihrer Furcht. Unsere Kapitäne drängten zur Verfolgung, und so segelten wir tiefer in die enge Meerenge von Gargate. Zwischen steilen Felswänden und aufgewühlten Wassern glaubten wir, den Feind endlich stellen zu können. Dann schlossen sich die Felsen hinter uns wie die Tore eines Grabes. Aus den Buchten und hinter den Klippen brachen die wendigen Trieren der Zwerge hervor. Ihre Schiffe waren kleiner als unsere, doch sie bewegten sich schnell und geschickt durch die engen Gewässer. Ehe unsere Flotte ihre Reihen ordnen konnte, griffen sie von beiden Seiten an. Rammsporne zerschmetterten unsere Rümpfe, Enterhaken rissen die Schiffe aneinander, und feindliche Krieger stürmten über unsere Decks. Unsere Admiräle brüllten Befehle, doch der Lärm des Kampfes verschlang ihre Stimmen. Die großen Schiffe konnten kaum wenden. Manche liefen auf die Felsen, andere wurden von den Trieren gerammt und aufgerissen. Pfeile regneten auf unsere Mannschaften herab, während brennendes Pech über die Decks floss.
Das Meer färbte sich dunkel von Ruß und Blut.
Wir kämpften mit der Verbissenheit unseres Volkes. Unsere Krieger hielten die Decks, selbst als die Schiffe bereits sanken. Einige Kapitäne ließen ihre beschädigten Galeeren auf die feindlichen Schiffe zutreiben, um sie im letzten Augenblick mit sich in die Tiefe zu reißen. Andere weigerten sich, die Banner einzuholen, und gingen mit ihren Mannschaften unter.
Doch Tapferkeit allein konnte die Falle nicht öffnen.
Als die Sonne hinter den Klippen versank, war unsere stolze Flotte zerschlagen. Was von ihr übrig blieb, trieb als brennendes Wrack zwischen den Felsen von Gargate. Nur wenige Schiffe entkamen dem Gemetzel. Viele unserer besten Seeleute, Schmiede und Krieger fanden dort ihr Ende.
Die Niederlage von Gargate war mehr als der Verlust einer Flotte. Sie war ein Schlag gegen den Stolz unseres Volkes.
Als die Kunde Balandir den Finsteren erreichte, befahl er den Rückzug des Großteils seines Heeres. Der Feldzug, der mit dem Versprechen eines endgültigen Sieges begonnen hatte, war ins Stocken geraten. Die Steinbruchüberquerung hatte bewiesen, dass sie noch lange nicht gebrochen war.
Doch Balandir gab den Krieg nicht auf.
Er ließ einen Teil seiner Streitmacht unter dem Kommando von Mordrak Feuerkarren zurück. Mordrak sollte die eroberten Gebiete halten, die Nachschubwege sichern und den Zwergen jeden weiteren Vormarsch so teuer wie möglich machen. Während Balandir seine geschwächten Kräfte sammelte, sollte Mordrak verhindern, dass aus unserer Niederlage eine vollständige Katastrophe wurde.
So endete die Schlacht von Gargate – nicht mit dem Untergang unseres Volkes, aber mit einer Wunde, die noch viele Generationen schmerzen sollte.
In unseren Hallen erzählen die Alten bis heute von den schwarzen Segeln, die niemals zurückkehrten. Sie sprechen von den Kapitänen, die lieber mit ihren Schiffen versanken, als sich zu ergeben, und von den Kriegern, deren Namen in den Tiefen des Gargate-Meeres verloren gingen.
Die Chronisten der Steinbruchüberquerung nennen es einen glorreichen Sieg.
Wir nennen es eine bittere Lektion.
Denn wir hatten geglaubt, die Zwerge seien geschlagen. Wir hatten ihre List unterschätzt und unsere eigene Übermacht für Unbesiegbarkeit gehalten.
Doch das Meer kennt weder Könige noch Eroberer. Es verschlingt jene, die es unterschätzen.
Und solange Balandir der Finstere noch atmete, war Gargate nicht das Ende unseres Krieges.
Es war lediglich der Tag, an dem wir lernten, dass selbst ein dunkles Reich im Schatten seiner eigenen Selbstüberschätzung fallen kann.
Klärung der Zeitangabe im UntertitelZeige den Wendepunkt der Falle deutlicher