30/08/2026
Karate – Schluss mit den Vorurteilen!
Wenn man jemandem erzählt, dass man Karate macht, fallen nicht selten Sätze wie:
«„Karate ist langweilig, da passiert ja nichts!“
„Da macht man ja nichts als Mannschaft, so wie im Fußball!“»
Hier kann man nur sagen: Beide Aussagen sind weit gefehlt und zeigen vor allem, dass sich diejenigen, die solche Sätze äußern, bisher kaum oder gar nicht mit Karate auseinandergesetzt haben.
Es mag sein, dass ein Schüler zu Beginn noch keinen tieferen Sinn darin erkennt, immer wieder dieselbe Technik Bahn für Bahn durch die Halle zu üben. Auf den ersten Blick kann das tatsächlich eintönig wirken. Aber gerade am Anfang ist es essenziell, Techniken immer und immer wieder zu wiederholen, um sie zu verinnerlichen und irgendwann automatisiert ausführen zu können.
Sehr schnell wird man jedoch feststellen, dass Karate keineswegs langweilig ist – sondern vielmehr anstrengend und manchmal sogar mühsam. Gleichzeitig erkennt man, dass sich diese Mühe lohnt. Das eigene Körpergefühl verändert sich, Bewegungen werden bewusster und sicherer und vor allem wächst mit jedem Schritt das eigene Selbstbewusstsein.
Karate-Dô bedeutet „der Weg der leeren Hand“. Dieser Weg steht für lebenslanges Lernen und für die stetige Arbeit an sich selbst. Je weiter man auf diesem Weg voranschreitet, desto mehr versteht man die Bedeutung der Schritte, die bereits hinter einem liegen. Und gleichzeitig wird der Weg, der noch vor einem liegt, immer spannender.
Gemeinsam statt gegeneinander
Die Individualität unseres Sports schreckt auch viele Menschen ab, die sich lieber in Mannschaften bewegen.
Eine Mannschaft ist jedoch immer nur so stark wie ihr schwächstes Glied. Das kann – gerade im Wettkampf – zu internen Spannungen führen. Die „Schwächeren“ werden nicht aufgestellt, bekommen weniger Spielzeit oder werden immer wieder auf ihre Defizite hingewiesen.
Im Karate ist das anders.
Hier trainiert zwar jeder in erster Linie an sich selbst, aber trotzdem besteht ein Dojo aus vielen Karateka, die sich gegenseitig unterstützen, motivieren und anspornen. Jeder geht seinen eigenen Weg und entwickelt sich in seinem eigenen Tempo, ohne dass diese persönliche Entwicklung ständig mit der eines anderen verglichen oder infrage gestellt wird.
Natürlich gibt es einen Sensei, dessen Anweisungen befolgt werden. Aber auch jeder höher graduierte Schüler übernimmt Verantwortung und fungiert als Vorbild – unabhängig davon, welche Gürtelfarbe er trägt.
Ein Karate-Dojo bildet somit sehr wohl eine Einheit. Nur eben keine Mannschaft im klassischen Sinne – außer natürlich im Wettkampfkarate.
„Ihr kämpft ja nicht mal richtig!“
Weitere Aussagen, die man häufig hört, sind:
«„Ihr kämpft ja nicht mal richtig!“
„Oh nein! Das ist nichts für mich, das ist mir viel zu brutal!“»
Zwei ziemlich gegensätzliche Meinungen – und betrachtet man ausschließlich die unterschiedlichen Ausprägungen der einzelnen Stilrichtungen, können beide Aussagen sogar ihre Berechtigung haben.
Erweitert man jedoch seinen Blick und schaut über den eigenen Tellerrand hinaus, anstatt sich ausschließlich auf die Stilrichtung zu versteifen, für die man sich selbst entschieden hat, wird schnell deutlich: So einfach ist es nicht.
Ja, auf Distanz zu bleiben ist eine Möglichkeit, wenn der Kampf trainiert wird. Es ist aber keineswegs die einzige.
Wer den Ernstfall realistisch üben möchte, sollte auch lernen, Techniken auf kurze Distanz anzuwenden. Denn im Notfall hilft es wenig, wenn man nur daran gewöhnt ist, Abstand zu halten. Auch das Einstecken von Schlägen gehört – in einem kontrollierten und verantwortungsvollen Rahmen – zum Lernprozess.
Denn eines dürfen wir nicht vergessen:
Karate ist auch ein Selbstverteidigungssport.
Die jeweilige Stilrichtung gibt uns unterschiedliche Wege und Methoden an die Hand, um die Grundlagen zu erlernen. Entscheidend ist aber, was wir daraus machen und wie wir diese Techniken einsetzen.
Karate kann brutal sein – muss es aber nicht
Und ja: Karate kann brutal sein. Aber es muss nicht brutal sein.
Die Grundschule gibt uns das Werkzeug. Wie wir dieses Werkzeug benutzen, ist zu einem großen Teil individuell.
Man kann sein Training so gestalten, dass ein Kampf effektiv, aber trotzdem kontrolliert und nicht unnötig brutal ist. Karate hat unzählige Facetten. Einen Kampf gewinnt man nicht automatisch dadurch, dass man den Gegner brutal zusammenschlägt.
Und im Training schon gar nicht.
Natürlich kann es im Training auch einmal zu einem Unfall und damit zu einer Verletzung kommen. Karate ist schließlich ein Kampfsport. Solche Situationen sind jedoch nicht der Regelfall und entstehen häufig durch Unachtsamkeit, falsche Einschätzung oder einen Moment der Unkontrolliertheit.
Auch daraus lernt man.
Karate ist nun einmal ein Kampfsport und kein Ballett.
Wobei – auch beim Ballett passieren Verletzungen.
„Karate ist nichts für Mädchen!“
Auch Aussagen wie
«„Karate ist nichts für Mädchen!“
„Mein Junge ist viel zu wild – durch Karate wird er bestimmt noch wilder!“»
kann man so überhaupt nicht stehen lassen.
Gerade für Mädchen und Frauen kann Karate ein sehr geeigneter Sport sein. Sich selbst verteidigen zu können, ist unabhängig vom Geschlecht eine wertvolle Fähigkeit.
Da die körperlichen Voraussetzungen zwischen Männern und Frauen im Durchschnitt unterschiedlich sind, kann es insbesondere für Frauen sinnvoll sein, zu lernen, wie man sich im Ernstfall effektiv zur Wehr setzen kann. Karate bietet hierfür zahlreiche Möglichkeiten, die an die individuellen körperlichen Voraussetzungen angepasst werden können.
Und natürlich gibt es sehr viele weibliche Karateka.
Darüber hinaus ist Karate nicht ausschließlich Kampf. Karate ist auch eine Kunst.
Wer den direkten Kampf nicht als Schwerpunkt für sich möchte, kann seinen Fokus beispielsweise auf das Erlernen von Kata legen. Eine Kata ist vereinfacht gesagt eine festgelegte Abfolge von Techniken und Bewegungen – eine Art „Kunstform des Kampfes“.
Ein Kampf wird dabei wie eine Choreografie dargestellt. Trotzdem werden die entsprechenden Techniken, Bewegungen und Prinzipien erlernt und können im Ernstfall entsprechend angewendet werden.
Manche Karateka kämpfen im sportlichen Sinne sogar nie und finden trotzdem genau in dieser Form ihren persönlichen Weg.
„Mein Kind wird durch Karate noch aggressiver!“
Und wer glaubt, dass Karate ein Kind dazu verleitet, seine Freunde auf dem Schulhof zu verprügeln, nur weil es Karate trainiert, dem sei gesagt:
In jedem seriösen Dojo wird Etikette gelehrt.
Wir greifen niemanden grundlos an und verwenden das Erlernte ausschließlich im Rahmen des Trainings oder zur Selbstverteidigung.
Respekt, Disziplin und gegenseitige Rücksichtnahme gehören ebenso zum Karate wie Techniken und Bewegungsabläufe.
Wer diese Regeln wiederholt und bewusst missachtet, muss letztlich mit Konsequenzen bis hin zum Ausschluss aus dem Dojo rechnen.
Aus diesem Grund kann Karate gerade für Kinder sogar dabei helfen, einen ruhigeren und kontrollierteren Umgang mit sich selbst und anderen zu entwickeln – vorausgesetzt, auch die Eltern sind bereit, die Regeln und Werte des Dojos zu akzeptieren und zu unterstützen.
„Ich bin zu alt für Karate!“
Ein letztes Vorurteil muss ebenfalls aus dem Weg geräumt werden:
«„Ich bin zu alt, um mit Karate anzufangen!“»
Nein. Dafür ist man nicht zu alt.
Schaut man sich in vielen Vereinen um, sieht man 70-Jährige gemeinsam mit 6-Jährigen trainieren. Und beide können voneinander lernen.
Natürlich verändern sich Beweglichkeit, Kraft und Koordination mit zunehmendem Alter. Manche Bewegungen werden vielleicht schwieriger oder benötigen mehr Zeit. Aber wer regelmäßig trainiert und dabei bleibt, wird sehr schnell feststellen, dass Karate eine Wohltat für Körper und Geist sein kann.
Karate ist nicht jedermanns Sport
Nichtsdestotrotz ist Karate nicht für jeden der richtige Sport.
Nicht jedes Kind, das von seinen Eltern ins Training gebracht wird, wird auch dabeibleiben. Nicht jeder möchte barfuß in einem weißen Anzug in einer Halle stehen und sich mit anderen Fäuste und Füße um die Ohren schlagen.
Und nicht jeder möchte einen Sport ausüben, bei dem es letztendlich immer auch um die eigene Entwicklung geht.
Aber vielleicht finden viele Menschen ihren Weg auch deshalb nicht in ein Dojo, weil Karate medial noch immer nicht die Präsenz besitzt, die dieser Sport verdient hätte.
Ob Karate als Breitensport oder als Leistungssport betrieben wird, bleibt jedem selbst überlassen. Das eine schließt das andere keineswegs aus. Lediglich das Training und die jeweiligen Schwerpunkte verändern sich.
Vereine gibt es viele. Man muss sich einfach umschauen, verschiedene Trainingseinheiten besuchen und für sich selbst herausfinden, wo man sich wohlfühlt und welcher Verein, welcher Trainer und welcher Stil zu einem passt.
Denn am Ende gilt:
Karate ist das, was man bereit ist, daraus zu machen.
Für welche Abzweigung wir uns auch entscheiden, welche Schwerpunkte wir setzen und wie weit wir unseren Weg gehen – am Ende sind wir doch alle auf demselben Weg.
OSS
Cathia Greiner