24/05/2026
Tipptopp 🫶
Wie Pferde lernen und warum Gefühle Training sind
Viele Probleme im Reiten sehen auf den ersten Blick nach Verhalten aus. Das Pferd wird eilig. Es wird triebig. Es bleibt stehen. Es wird fest. Es erschrickt. Es macht etwas, das gestern noch ging, heute aber nicht mehr. Und dann landet man schnell bei einem Satz wie „Er will nicht“ oder „Sie testet“.
Ich habe gelernt, dass solche Sätze selten helfen. Nicht, weil Pferde nicht auch Grenzen brauchen, sondern weil sie den Blick in die falsche Richtung lenken. Denn bevor ich darüber nachdenke, ob mein Pferd „will“, muss ich verstehen, ob es in diesem Moment überhaupt lernen kann.
Lernen ist nicht nur Wiederholung. Lernen ist auch Zustand. Ein Pferd lernt am besten, wenn es erreichbar ist. Nicht zwingend tiefenentspannt, aber ansprechbar. Und genau hier kommt etwas ins Spiel, das viele lange unterschätzen: Gefühle sind keine Nebensache. Gefühle sind der Boden, auf dem Training überhaupt stattfinden kann.
Lernfähigkeit beginnt mit Regulation
Ein Pferd, das im Stress ist, kann nicht gut lernen. Das ist keine Meinung, das ist Biologie. Im Alarmzustand wird der Körper bereit für Flucht oder Abwehr. Feine Signale gehen unter. Verarbeitung wird schlechter. Genau deshalb kann ein Pferd in Stress sehr schnell reagieren und trotzdem wenig aufnehmen.
Das heißt nicht, dass man nie etwas fordern darf, wenn ein Pferd angespannt ist. Es heißt nur, dass man wissen sollte, was dann realistisch ist. Wenn ein Pferd „hoch“ ist, braucht es meistens zuerst Orientierung. Und wenn es Orientierung bekommt, kann es wieder lernen.
Woran du erkennst, dass Lernen gerade möglich ist
• der Blick wird beweglicher und nicht mehr fixiert
• die Atmung wird regelmäßiger
• das Pferd kann nach einem Reiz wieder bei dir ankommen
• kleine Hilfen werden wahrgenommen
• es wird im Verlauf klarer statt unruhiger
Zwei Ebenen gleichzeitig: Verhalten und Gefühl
Im Training sehe ich immer zwei Ebenen. Was macht das Pferd, und wie fühlt es sich dabei. Die gleiche Bewegung kann aus zwei völlig verschiedenen Zuständen kommen.
Ein Beispiel: Ein Pferd läuft ruhig im Trab. Das kann Losgelassenheit sein. Es kann aber auch Abschalten sein. Ein anderes Beispiel: Ein Pferd wird eilig. Das kann Vorwärtsdrang sein. Es kann aber auch innere Unruhe sein.
Darum ist es hilfreich, sich im Alltag nicht nur auf das Ergebnis zu verlassen, sondern auf die Richtung
• wird es im Verlauf weicher oder härter
• wird es erreichbarer oder weiter weg
• wird es koordinierter oder hektischer
Wenn du diese Richtung im Blick hast, hörst du auf, das Pferd zu bewerten, und beginnst, es zu verstehen.
Wie Pferde lernen: Klarheit, Timing, Entlastung
Pferde lernen nicht aus Erklärungen. Sie lernen aus Momenten. Aus vielen kleinen Momenten, die sich wiederholen. Und drei Dinge machen dabei den größten Unterschied
Klarheit
Das Pferd muss verstehen, was gefragt ist. Je kleiner und eindeutiger die Frage, desto besser.
Timing
Das Pferd muss erkennen können, wann es richtig war. Dieser Moment ist oft sehr kurz.
Entlastung
Wenn die Antwort stimmt, muss es spürbar leichter werden. Entlastung ist nicht nur freundlich. Entlastung ist Information.
Wenn du diesen Dreiklang im Kopf behältst, wird Training fairer. Und es wird ruhiger. Denn du musst weniger diskutieren, wenn du im richtigen Moment loslässt.
Dies ist ein weiterer kleiner Auszug aus meinem neuen Buch:
Reiten Fair und Gesund
Das Buch gibt es wie immer bei Amazon und den Link dazu setze ich in die Kommentare.
Über einen Kommentar und das teilen dieses Beitrages würde ich mich sehr freuen.
Euer Tommy