04/09/2026
Sonntag stand auch noch DFB-Pokal ins Haus. Der kleinste Pokalteilnehmer wurde im extra errichteten Stadio Comunale Kśišow besucht…
23.08.2026 VfB 1921 Krieschow – 1. FSV Mainz 05 0:9 (0:5) – Sportpark Krieschow – DFB-Pokal – 4.000 (1.000) Zs.
Ein ganzes Dorf fiebert mit und mit ihm ganz Fußballdeutschland. Was wurde nicht alles vorab über dieses Pokalspiel berichtet, so dass sich ein kleiner Hype um die erstmalige DFB-Pokal-Teilnahme des VfB Krieschow entwickelte. Der VfB Krieschow hatte mit dem 2:1-Sieg im Stadion der Freundschaft gegen Energie Geschichte geschrieben und erstmals in seiner Vereinsgeschichte den Brandenburger Landespokal gewonnen.
Die Gemeinde Kolkwitz nennt für Krieschow aktuell 557 Einwohnende. Frühere Angaben schwanken zwischen gut 500 und rund 600 Menschen.
Mittlerweile ist es ja leider naheliegend den bequemen Weg zu gehen und auf größeres Spielstätten auszuweichen, aber bekanntlich nicht so in der Niederlausitz. Im letzten Jahr zum Beispiel wich der Pokalsieger RSV Stahnsdorf, der übrigens gegen Krieschow gewann, gegen die Roten Teufel vom Betze ins Karl-Liebknecht-Stadion aus. Wir berichteten.
Der Gegner Mainz 05 ein lässiges Los und ließ es auch machbar erscheinen zu Hause zu spielen. In wochenlanger Vorbereitung wurde mit viel Herzblut und Engagement ein Stahlrohrtempel errichtet, der alle kleine Clubs in Italien vor Neid erblassen lässt.
Das Stadio Comunale Kśišow für 4.000 Menschen, was mehr als siebenmal so viele Einwohner*innen beherbergt. Nicht ganz das zehnfache wie es Dwidswoch in Folge 253 – „1 Krieschower und 9 Freunde“ verlauten ließ.
Für Mainz nach dem Ausflug in den Europacup auch eine gelungene Abwechslung zum Bundesligaalltag und für den Atmosphärenbeauftragten und mich stand schnell fest, da müssen wir dabei sein. Online-Tickets im freien Verkauf für das Spiel aufm Dorf gab es klamm und heimlich erst zwei Wochen vorm Termin.
„Beim ersten Vorverkauf im Sportlerheim stand eine Schlange wie zu tiefsten DDR-Zeiten, in Doppelreihe", verriet Ortsvorsteherin Jeannine Mau der Lausitzer Rundschau vor dem Erstrundenspiel am Sonntag.
In der Zeit war Sky bereits zu Gast und der händische Aufbau der vielen Ehrenamtlichen lief bereits auf Hochtouren. Die Inszenierung als kultiger Ostdorfverein, in welchem alle anpacken und für das ursprüngliche Pokalfeeling sorgen, was leider lange abhandengekommen ist, gelang vollends. Versteht mich nicht falsch, finde das auch süß und bin mit Leidenschaft und Ehrenamt auch durchaus vertraut, aber ohne eine gewisse Finanzstärke die gegeben sein muss, wird es schwer dies so hochzuziehen. Und das haben sie in Krieschow, nicht in Unmengen, aber reicht um seit einigen Jahren in der NOFV Oberliga Süd oben mitzuspielen.
Nur um es mal einzuordnen, aber das geleistete soll nicht mit Neid Bedacht oder geschmälert werden, nur weil Nulldrei zu unfähig ist,hehe.
Auf dem Papier natürlich eine klare Sache, aber der Stürmer und Torjäger Andy Hebler (37 Jahre) gab dem kleinen Verein aus dem Landkreis Spree-Neiße Hoffnung:
"Erst einmal haben sie eine lange Trainingswoche, dann müssen sie 600 Kilometer in den tiefsten Osten fahren. Wir haben schon aus Spaß gesagt: Jetzt noch die Kabine auf 40 Grad aufdrehen und ein paar gammlige Bananen reinlegen, damit die richtig genervt sind".
Schauen wir mal und aufgrund der miesen ÖPNV-Verbindung, ist halt ein Ortsteil einer kleinen Gemeinde, konnte ich freundlicherweise ein Auto auftreiben. Karre abgeholt und in einen Schwung Turbinefans geraten, die Einlass ins KarLi zu ihrem Zweitligaspiel begehrten. Atmosphärenbeauftragter und ich hatten großzügig geplant, da wir schon ein kleines Chaos vermuteten, da sonst so um die 200 Leute den Sportplatz ohne Ausbau säumen. Die Fahrt durch die Dörfer der Niederlausitz hatten ihren Charme und an einer Kreuzung sahen wir die Gästebusse in einer Bullenkontrolle stehen. Skurril, denn auf der anderen Seite hieß die Jugend Krieschows, mittels eines selbstgemalten Bettlakens, alle Gäste willkommen. Wir drehten eine Ehrenrunde um dann an Heuballen und kreativen Wegweisern den Weg gen Sportplatz auf uns zu nehmen. Faszinierende Welt und schöner Vibe von großaufgezogenem Vereinsjubiläum oder eben 1. Hauptrunde des DFB-Pokals, wie sie sein sollte. Fantastisch. Dank des blickigen Beifahrers parkten wir auf der Stellfläche einer kleinen Wohnsiedlung vor dem offiziellen Parkplatz aka Feld. Linker Hand zwei Fußballtore ohne Netz und rechter Hand das charismatische Sonnenblumenfeld.
Einlass schnell gemeistert und wir waren ehrlichgesagt etwas überrascht, ob der verdammt guten Orga. Das Stadion ein Traum und sah aus wie Eccellenza in der Toskana. Es gab Eis/Muffins/Kuchen für den süßen Zahn sowie eine Salat-Hähnchen-Geschichte im Becher und Weinschorle, da man dies in Mainz ja so gerne trinkt. Wartezeit etwas länger, aber sehe ich wirklich nach bei dem Trubel. Mit einer roten Brause und staunenden Augen, ob des Kolosses hinterm Tor, der auf Teilen des Nebenplatzes stand, nahmen wir unsere Plätze ein.
Heimbereich ein kleiner Mob formiert, der mit Blockfahne ins Spiel startete. Chapeau! Zu unserer rechten die Mainzer, die lediglich einen Minihügel hatten, aber den Zaun vorzüglich zu flaggten und mit einem halben Dutzend großer Schwenker ein ordentliches Bild kreierten. Unterstützung gab es von der Kohorte aus Duisburg.
Was die Rheinhessen aus dem Gästekäfig holten flashte uns. Das war Freaks! Am Zaun rütteln und sich ein Spaß drauß machen, mit einem Stehtisch posieren, poggen und teils komplett freidrehen. „ Ich bin verrückt nach dir, ich bin verliebt in dich, ich lass dich nie im Stich“ schepperte dermaßen zu Beginn.
Auf dem wirklich gut gepflegten Rasen, umgeben von den geforderten LED-Banden, spielte Krieschow mutig mit und erarbeitete sich kleine Chancen, die vom Stadionsprecher euphorisch gefeiert wurden. In der 19. Minute war es dann Phillip Tietz, der mit einem lupenreinen Hattrick binnen dreizehn Minuten alles klar machte. Der Gästeblock tobte zu ihrer Version von „Heart of Glass“, was den Zaun fast zum Einstürzen brachte und die Vorsänger zwang in den Innenraum zu hüpfen. Leute die mich kennen wissen um meine Musikaffinität und tatsächlich hatte ich bereits vor dem Tag einen Ohrwurm von diesem Song, der im Videorückblick der Määääänzer in der Punkrock-Version der Lunachicks gespielt wird. Auch im Heimbereich wurde etwas gesungen, wenn es auch kurze Aufregung gab, da der Vorsänger des VfB zum Verlassen der Bande aufgefordert wurde. Kurzes Sinnlosdiskutieren und umjubeltes Comeback mit Bierkiste gefolgt von knackigem „Fussballfans sind keine Verbrecher.
Der Gästeblock in rot-weiß glänzte mit einer Dauer pro Song von 15 bis 20min, und nach dem fünften Ding, gleichbedeutend mit dem Pausenstand, war etwas Zeit für Schabernack. 01,02,03,04 und Nullfünf, Nullfünf-Gesängen,haha.
Lief vor dem Match noch Kontra K und es war die Rede vom gallischen Dorf wechselte die Mucke zur Pause in Remixe von Ostrockklassikern. Das Wort kultig verließ nicht nur einmal meine Lippen, es wurde sich wirklich viel viel Mühe gegeben um allen einen coolen Pokaltag zu bereiten.
Diesen bereiteten uns weiterhin die Gäste des Q-Block Mainz. Ansage Vorsänger: „Sorgt dafür, dass die in diesem Scheisskaff davon träumen“ gefolgt von einem richtig geilen Medley, welches u.a. ein bekanntes Lied aus Züri und „Vamos Vamos Mainz 05“ enthielt. Richtig quittiert wurde dies mit der Ansage „das hat doch Spaß gemacht.“. Die Heimseite zeigte sich weiterhin als fairer Gastgeber, Ausnahme kleiner Disput mit Tietz nach Torjubel, aber offenbar nix schlimmes, da im Nachgang keinerlei Rede von Ausfällen. Weiterhin einfache Gesänge und die Oberligatröte vervollständigte das Flair im ausverkauften Dorfstadion, wie es der redselige Stadionsprecher betitelte. Neun Dinger, aber trotzdem eine ordentliche Leistung. Schön, noch das Spruchi zur Kampagne „Meister müssen aufsteigen“ und die Ultras des FSV grüßten noch ihre Amici der Fedayn Bronx aus Caserta. Ein „Dale Mainz“ verabschiedete uns nach draußen und wir begaben uns vorbei am Ortsausgangsschild fix zum Auto, während auch viele Drahtesel den Feldweg säumten.
Was bleibt ist ein wirklich geiler Ausflug aufs Land um tolle Gastgeber und erstaunlich wenig Pöbelassis oder unangenehme Leute – lediglich auffällig Migrationsanteil 0% und vereinzelt gescheitelte Label 23-Models- in dieser doch teils politisch fragwürdigen Gegend Nahe Cottbus. Dieser Tag hat Krieschow positiv auf die Karte gesetzt. Mainz wirklich wahnsinnig underrated und hat mir abermals (wie beim Europacup-Heimspiel am 18.12.2025) richtig gut gefallen. Fußball wie er sein sollte! (Bericht: snidi & Bilder: Atmosphärenbeauftragter)
P.S.: Weiterer kurioser Funfact zu diesem Spiel. Die U23 des FSV spielte am selben Wochenende in der Regionalliga am Bieberer Berg in Offenbach vor mehr Zuschauenden als die Profimannschaft im DFB-Pokal.
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